Small Fiber Neuropathie (SFN)

Die Small Fiber Neuropathie (SFN) ist eine Erkrankung der kleinen peripheren Nervenfasern, vor allem unmyelinisierter C Fasern und dünn myelinisierter A delta Fasern. Diese Fasern vermitteln Schmerz, Temperatur und Juckreiz sowie wichtige autonome Funktionen (Schweissregulation, Mikrozirkulation, Herz Kreislauf Reflexe, Teile gastrointestinaler Regulation). Eine SFN kann deshalb sowohl neuropathische Schmerzen als auch Dysautonomie verursachen. Routinemässige Nervenleituntersuchungen sind häufig unauffällig, weil sie vorwiegend grosse Fasern messen.

Bei ME/»CFS» finden sich häufig Symptome, die zu SFN passen (brennende Schmerzen, Allodynie, Parästhesien, Orthostaseintoleranz, POTS ähnliche Symptomatik, Temperatur und Schweissstörungen, gastrointestinale Dysfunktion). Die Evidenzlage spricht dafür, dass bei einem Teil der Betroffenen mit postinfektiösen Syndromen inklusive ME/»CFS» und Post Covid small fiber Auffälligkeiten objektivierbar sind, jedoch nicht bei allen (abhängig von Methodik und Subgruppen).

neuropathische Schmerzen MECFS

Anatomie 

Kleine Fasern und ihre Funktionen

  • C Fasern: unmyelinisiert, langsam, vermitteln brennenden Schmerz, Juckreiz, autonome Signale

  • A delta Fasern: dünn myelinisiert, schneller, vermitteln stechenden Schmerz und Kälte

Diese Fasern enden in der Epidermis, in Blutgefässen und Schweissdrüsen sowie in viszeralen Strukturen. Daher sind sensorische und autonome Symptome gleichermassen plausibel.

Längenabhängige versus nicht längenabhängige SFN

  • Längenabhängig: distal symmetrisch, Füsse zuerst

  • Nicht längenabhängig: patchy, proximal, asymmetrisch, multifokal

Nicht längenabhängige Muster sind diagnostisch wichtig, weil eine rein distale Teststrategie solche Formen eher übersieht.

Klinik der SFN

Sensorische Symptome

Typisch:

  • Brennen, Stechen, Elektrisieren

  • Allodynie, Hyperalgesie

  • Parästhesien und Dysästhesien

  • schmerzhafter Juckreiz

  • Temperaturverlust oder Temperaturüberempfindlichkeit

Untersuchung:

  • Hypästhesie für Schmerz und Temperatur möglich

  • Berührungsallodynie möglich

  • Vibrationssinn, Lageempfinden und Reflexe oft erhalten (grosse Fasern nicht primär betroffen)

Diagnostischer Fallstrick: Unauffällige Neurographie schliesst SFN nicht aus.

Möglich sind:

  • Orthostaseintoleranz, Palpitationen, präsynkopale Beschwerden

  • Schweissstörungen (zu viel oder zu wenig)

  • vasomotorische Dysregulation (akrale Kälte, Farbwechsel, Livido)

  • gastrointestinale Dysfunktion (Übelkeit, frühe Sättigung, Motilitätsstörungen)

  • Blasen und Sexualfunktion, Pupillenreaktionen

Relevanz für ME CFS Phänotypen

Bei ME CFS treten häufig Schmerz und Dysautonomie Cluster auf, die zu SFN passen. Gleichzeitig erklärt SFN nicht automatisch post exertional malaise oder das gesamte ME/»CFS» Syndrom. Die Stärke des SFN Konzepts liegt in der Subgruppenbildung und der Chance, objektivierbare und behandelbare Anteile zu identifizieren.

Ätiologie und Pathophysiologie

Häufige Ursachenfelder 

SFN ist ein Syndrom mit vielen Ursachen. Der wichtigste Schritt ist, behandelbare Ursachen zu suchen:

  • Glukosestoffwechselstörung (Diabetes, Prädiabetes)

  • Autoimmun und inflammatorische Erkrankungen

  • postinfektiöse Konstellationen

  • toxisch oder medikamentös

  • hereditär

  • idiopathisch nach Ausschluss

Devigili et al. betonen bereits 2008 die ätiologische Breite und die diagnostische Schwierigkeit durch fehlende Routine Elektrodiagnostik.

Ärztin MECFS Literatur

Hereditäre Schmerzsyndrome und SFN ähnliche Phänotypen können durch Natriumkanalvarianten (zum Beispiel SCN9A) mitbedingt sein. Bei frühem Beginn, Familienanamnese, anfallsartigen Schmerzen oder stark hitzegetriggerten Schmerzbildern sollte dies erwogen werden. (GeneReviews Überblick zu SCN9A assoziierten neuropathischen Schmerzsyndromen)

Diagnostik

Diagnostische Grundlagen

Robuste SFN Diagnostik stützt sich idealerweise auf:

  1. passende Symptome und klinisches Muster

  2. objektive Funktionshinweise

  3. strukturellen Nachweis

Die diagnostischen Kriterienarbeit in Brain (2008) ist hier zentral.

Die Hautbiopsie mit Messung der intraepidermalen Nervenfaserdichte ist ein zentraler strukturdiagnostischer Test. Die EFNS PNS Leitlinie beschreibt Indikationen, Durchführung und Interpretation.

Wesentliche Praxisaspekte:

  • Interpretation nur mit geeigneten Normwerten (alters und geschlechtsabhängig)

  • bei Verdacht auf nicht längenabhängige SFN ist eine Kombination aus distaler und proximaler Entnahme oft sinnvoll

  • normaler Befund schliesst SFN nicht sicher aus (frühe Stadien, funktionelle Störungen, patchy Verteilung)

QST (Wärme Kälte Detektion, Schmerzschwellen) kann small fiber Dysfunktion abbilden, ist aber kooperations- und tagesformabhängig. Als Einzeltest nicht beweisend, aber in Kombination sehr nützlich. Eine methodenvergleichende Studie von V. Fabry et al. im Jahr 2020 zeigt, dass verschiedene Verfahren unterschiedliche Aspekte abbilden und die Kombination diagnostisch wertvoll ist.

Bei autonomer Symptomatik je nach Verfügbarkeit:

  • sudomotorische Testung (zum Beispiel QSART basierte Verfahren)

  • kardiovaskuläre Reflex Tests

  • Kipptisch oder standardisierter Steh Test bei Orthostaseintoleranz und POTS Verdacht

CCM wird als nicht invasiver Ansatz zur Abbildung kleiner Nervenfasern diskutiert und in der Neuropathiediagnostik breit beforscht. (Hier ist die Integration in die Routine regional unterschiedlich; Wir ordnen CCM als optionale, aber vielversprechende Ergänzung ein)

Für Praxis und Forschung sind standardisierte Instrumente hilfreich:

  • DN4 zur Erfassung neuropathischer Schmerzcharakteristika (Entwicklung und Validierung in Pain)

  • COMPASS 31 zur Erfassung autonomer Symptomlast, extern validiert auch in Kohorten mit small fiber Polyneuropathie

Differenzialdiagnostik

Wichtige Differenzialdiagnosen und häufige Überlappungen:

  • Large fiber Polyneuropathie, Radikulopathie, Myelopathie

  • Erythromelalgie und Kanalopathien

  • zentrale Schmerzverarbeitung und zentrale Sensitivierung (kann koexistieren)

  • endokrin metabolische Ursachen und Mangelzustände

  • toxische und medikamentöse Ursachen

Vorsicht: SFN Befunde dürfen weder als universelle Erklärung von ME/»CFS» missverstanden werden noch darf neuropathische und autonome Symptomatik reflexartig psychogen interpretiert werden.

Offlabel Medikamente MECFS

Eine Publikation in European Journal of Neurology (2025) fokussiert SFN im Post Covid Kontext und bei ME/"CFS", inklusive klinischer Relevanz und diagnostischer Herausforderungen. Praktische Konsequenz: SFN ist wahrscheinlich für eine Subgruppe relevant, daher lohnt sich gezielte Diagnostik bei passenden Symptomen.

N.Azcue et al. (2025): Small fiber neuropathy in the post-COVID condition and Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: Clinical significance and diagnostic challenges

Praxisalgorithmus für ME/"CFS" mit Verdacht auf SFN

Wann besonders abklären

  • Brennen, Allodynie, klare Parästhesien

  • Temperaturstörung (Überempfindlichkeit oder Verlust)

  • Schweissstörung, akrale vasomotorische Symptome

  • Orthostaseintoleranz oder POTS Verdacht

  • gastrointestinal autonome Beschwerden plus neuropathische Symptome

  • patchy oder proximaler Verlauf, postinfektiöser Beginn

Basisabklärung behandelbarer Ursachen (Beispiele)

  • Glukosestoffwechsel: HbA1c, Nüchtern Glukose, je nach Kontext oGTT

  • Vitamin B12, Folat, weitere Mangelzustände nach Klinik

  • Schilddrüse

  • Nieren und Leberwerte

  • Entzündungs und Autoimmunmarker bei klinischem Verdacht

  • Medikamenten, Alkohol und Toxin Anamnese

  • Familienanamnese bei Verdacht auf hereditäre Ursachen

Second line Diagnostik

  • Hautbiopsie nach Leitlinie

  • QST und weitere Funktionsverfahren nach Bedarf

  • autonome Diagnostik bei dysautonomen Beschwerden

ME/"CFS" kompatible Therapie

Grundprinzipienv
  1. Ursache behandeln, wenn identifizierbar

  2. Symptome behandeln (Schmerz, Dysautonomie, Schlaf)

  3. Nebenwirkungen minimieren (Sedation, Orthostase, kognitive Effekte)

  4. pacingorientiertes Vorgehen bei ME/»CFS»

Als evidenzbasierte Grundlage gelten systematische Übersichten und Empfehlungen zur Pharmakotherapie neuropathischer Schmerzen. NeuPSIG basierte Empfehlungen (Lancet Neurology 2015) sind eine zentrale Referenz.

Typische Erstlinienoptionen:

  • trizyklische Antidepressiva

  • SNRI (zum Beispiel Duloxetin)

  • Gabapentin oder Pregabalin

Bei ME/»CFS» besonders wichtig:

  • sehr langsame Aufdosierung!

  • Monitor von Blutdruck und Puls (Dysautonomie)

  • sorgfältige Abwägung bei kognitiven Nebenwirkungen

Autonome Beschwerden sollten gezielt abgeklärt und dann stufenweise behandelt werden, primär mit schonenden Massnahmen und individuell ausgewählter Medikation. Der konkrete Dysautonomie Therapieplan ist abhängig von Befunden (zum Beispiel POTS).

Eine randomisierte kontrollierte Studie von M.Geerts et al. aus dem Jahr 2021 zeigte, dass IVIG bei schmerzhafter idiopathischer SFN keinen signifikanten Effekt auf Schmerz hatte.


Daraus folgt für die Praxis:

  • IVIG ist keine Standardtherapie für SFN

  • falls überhaupt, dann nur bei gut begründeter Subgruppenannahme, nach strenger Differentialdiagnostik und in spezialisierten Zentren mit objektivierbaren Verlaufsparametern

Monitoring und Verlauf

Klinische Verlaufsparameter

  • Schmerzintensität und Schmerzqualität

  • Ausdehnung sensibler Störungen

  • autonome Symptomlast

  • Alltagsfunktion und Belastbarkeit (ME CFS pacing kompatibel)

Objektive Verlaufskontrolle

  • Wiederholung der Hautbiopsie ist möglich, aber invasiv

  • Funktionsverfahren können Verlauf abbilden, sind aber tagesformabhängig

Ärztin MECFS Literatur

Pädiatrische und jugendliche Aspekte

SFN kann auch bei Kindern und Jugendlichen auftreten und wird dort häufig übersehen. Hinweise sind brennende Extremitätenschmerzen, autonome Beschwerden, Schlafstörung und erhebliche Einschränkung bei oft unauffälliger Standardneurologie. Bei jugendlichem ME/»CFS» mit dominierenden Schmerz und Orthostase Symptomen kann eine SFN Abklärung bei passendem Phänotyp sinnvoll sein.

Fallstricke und Qualitätsmerkmale guter Versorgung

Diagnostisch

  • normale Neurographie wird fälschlich als Ausschluss gewertet

  • Single Test Denken statt multimodaler Beurteilung

  • nicht längenabhängige Muster werden übersehen

  • unspezifische Laborbefunde werden überinterpretiert

Therapeutisch

  • zu schnelle Aufdosierung (besonders bei ME/»CFS»)

  • Nebenwirkungen auf Kreislauf und Kognition werden unterschätzt

  • Immuntherapie ohne klare Indikation trotz negativer RCT Daten in idiopathischer SFN

  • fehlende Reevaluation bei Therapieversagen

Quellenverzeichnis

  • Lauria G, Hsieh ST, Johansson O, et al. European Federation of Neurological Societies Peripheral Nerve Society Guideline on the use of skin biopsy in the diagnosis of small fiber neuropathy. Eur J Neurol. 2010.

  • Joint Task Force of the EFNS and the PNS. Guideline on the use of skin biopsy in the diagnosis of small fiber neuropathy. J Peripher Nerv Syst. 2010.

  • Devigili G, Tugnoli V, Penza P, et al. The diagnostic criteria for small fibre neuropathy: from symptoms to neuropathology. Brain. 2008.

  • Devigili G, et al. Diagnostic criteria for small fibre neuropathy in clinical practice. Neurology. 2019.

  • Fabry V, Gerdelat A, Acket B, et al. Which Method for Diagnosing Small Fiber Neuropathy? Front Neurol. 2020.

  • Geerts M, et al. Intravenous Immunoglobulin Therapy in Patients With Painful Idiopathic Small Fiber Neuropathy: randomized controlled trial. Neurology. 2021.

  • ClinicalTrials.gov. NCT02637700 Intravenous Immunoglobulin Therapy for Idiopathic Small Fiber Neuropathy.

  • Azcue N, et al. Small fiber neuropathy in the post COVID condition and Myalgic Encephalomyelitis Chronic Fatigue Syndrome: Clinical significance and diagnostic challenges. Eur J Neurol. 2025.

  • Treister R, et al. Validation of the Composite Autonomic Symptom Score 31 (COMPASS 31) in patients with and without small fiber polyneuropathy. Eur J Neurol. 2015.

  • Bouhassira D, et al. Comparison of pain syndromes associated with nervous or somatic lesions and development of a new neuropathic pain diagnostic questionnaire (DN4). Pain. 2005.

  • Finnerup NB, et al. Pharmacotherapy for neuropathic pain in adults: a systematic review and meta analysis. Lancet Neurol. 2015.

  • Finnerup NB, et al. Lancet Neurol full text version of NeuPSIG recommendations. 2015.

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