Häufige Fehldiagnosen
Die Diagnose von ME/»CFS» beruht nicht auf einem einzelnen Labortest oder bildgebenden Verfahren, sondern auf einer systematischen klinischen Beurteilung, die mehrere Schritte miteinander kombiniert.
Laboruntersuchungen
Bei Verdacht auf ME/»CFS» gehört ein umfangreiches Blutbild, um andere Erkrankungen auszuschliessen und organische Ursachen auszuschliessen. Es gibt jedoch keine Laborwerte, mit denen man ME/»CFS» nachweisen kann!
Basisdiagnostik
- Komplettes Blutbild (BB): Anämie, Infektion, Leukämieveränderungen
- C‑reaktives Protein (CRP): Entzündliche Prozesse
- BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit): Chronische Entzündung
- Elektrolyte (Na, K, Cl): Stoffwechselstörungen
- Nierenwerte (Kreatinin, Harnstoff): Nierenfunktion überprüfen
- Leberwerte (AST, ALT, GGT, ALP, Bilirubin): Lebererkrankungen ausschliessen
- Blutzucker / HbA1c: Diabetes, Glukosestoffwechsel
- Schilddrüsenwerte (TSH, fT4, ggf. fT3): Schilddrüsenfunktionsstörungen (Hypo-/Hyperthyreose)
- Eisenstatus (Ferritin, Transferrin, Eisen): Eisenmangelanämie
- Vitaminstatus (Vitamin B12, Vitamin D): Mikronährstoffdefizite, neurologische Symptome
- Kalzium / Phosphat: Stoffwechselstatus
- Albumin / Proteine: Ernährungsstatus, chronische Erkrankung
Diese Blutwerte helfen zuerst einmal körperliche Ursachen für Erschöpfung, Müdigkeit und Leistungsminderung auszuschliessen, die z. B. bei Anämie, Infektionen, Stoffwechsel‑ oder Organerkrankungen vorkommen können.
Erweiterte Laborparameter
- Vitamin B12 + Folsäure: neurologische Erschöpfung durch Mikronährstoffmangel
- Cortisol (Tagesprofil): Nebennieren / Stressachse (HPA) Dysfunktion
- Autoantikörper (verschiedene): Autoimmunerkrankungen
- Infektionsserologien (z. B. EBV, CMV, HIV, Hepatitis): Abklärung möglicher Ursachen von chronischer Müdigkeit
- Hormone (z. B. Testosteron, Östrogen): Hormonelle Dysbalancen
B12‑ und Vitamin‑D‑Mängel können Symptome verursachen, die ME/»CFS» ähneln und müssen ausgeschlossen bzw. behandelt werden.
Bildgebende Verfahren
Da ME/»CFS» selbst bisher keine etablierten bildgebenden oder funktionellen Marker hat, dienen diese primär dem Ausschluss anderer Erkrankungen.
Herz-, Kreislauf
- EKG (Elektrokardiographie): Rhythmussstörungen, Herzprobleme ausschliessen
- Echokardiographie: Herzfunktion beurteilen
- Belastungs‑EKG: Herzleistung bei Belastung
Lunge, Thorax
- Röntgen Thorax: Lungenerkrankungen ausschliessen
- Lungenfunktionsprüfung (Spirometrie): Atemwegsprobleme ausschliessen
Abdomen
- Ultraschall Abdomen: Organveränderungen (Leber, Nieren, Milz, Bauchspeicheldrüse)Organveränderungen (Leber, Nieren, Milz, Bauchspeicheldrüse)
Diese Verfahren sind bei der Differentialdiagnose wichtig, da z. B. Herz‑, Lungen‑ oder Organerkrankungen ebenfalls zu ähnlichen Symptomen wie ME/»CFS» führen können.
Neurologische / funktionelle Tests
Orthostatische Tests
Da viele ME/CFS‑Patienten unter orthostatischer Intoleranz leiden (z. B. POTS), können Tests wie der NAS‑A‑Lean‑Test sinnvoll sein.
Handkraftmessung
Einfache Messung mit einem Dynamometer kann Hinweise geben auf Muskelermüdbarkeit, die bei ME/CFS häufig vorkommt.
Neuropsychologische Tests
Da kognitive Einschränkungen bei ME/»CFS» häufig vorkommen, können Tests zur Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Denkfähigkeit hilfreich sein, um andere neurologische Krankheiten auszuschliessen.
ME/»CFS» vs. Depressionen
Sowohl ME/»CFS» als auch Depression können mit anhaltender Müdigkeit, Konzentrationsproblemen und Leistungsabfall einhergehen. Ohne sorgfältige Differentialdiagnostik entstehen deshalb leider sehr häufig Fehldiagnosen.
Post‑Exertional Malaise (PEM) als entscheidender Differenzierungsfaktor
PEM ist ein Pathognom‑ und zentraler diagnostischer Marker für ME/CFS:
beschreibt eine deutliche Verschlechterung aller Symptome nach körperlicher, kognitiver oder emotionaler Belastung,
die unverhältnismäßig stark ist im Vergleich zur Belastung,
und oft verzögert einsetzt (typisch 12–48 h) und Tage bis Wochen anhält.
Die Abfrage von PEM über wiederholte Belastungssituationen (z. B. Alltagsaufgaben, kurze Spaziergänge, kognitive Arbeit) ist deshalb ein entscheidendes diagnostisches Werkzeug zur Abgrenzung von ME/"CFS" und Depression.
Symptomprofil – körperlich vs. psychisch
ME/»CFS» typischerweise
Ausgeprägte körperliche Erschöpfung, die durch Ruhe kaum verbessert wird
Nicht‑erholsamer Schlaf trotz ausreichender Schlafdauer
Orthostatische Intoleranz (z. B. Schwindel beim Stehen)
Empfindlichkeit gegenüber Reizen (Licht, Geräusche)
Muskuläre Schmerzen, Kopf‑ und Halsschmerzen können auftreten
Depression typischerweise
Tiefe Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle
Verlust von Interesse an Aktivitäten
Appetit‑ oder Gewichtveränderungen
Schlafstörungen (Ein‑/Durchschlaf‑Probleme), aber nicht charakteristisch für PEM
Psychomotorische Veränderungen (Verlangsamung/Unruhe)
ME/»CFS» Beginn und Verlauf
Häufig plötzlicher Beginn, oft nach einer Infektion oder eindeutigem Auslöser.
Symptome sind chronisch, schwankend aber insgesamt persistierend.
Depression Beginn & Verlauf
Entwicklung oft allmählich ohne klaren Infektions‑ oder Auslöserverlauf.
Episoden können auch mit Stimmungsschwankungen, sozialen Stressoren oder Lebensereignissen korrespondieren.
Auf einen Blick
| Kriterium | ME/»CFS» | Depression |
|---|---|---|
| Primäre Ursache | Multisystemische Dysregulation | Psychische Störung |
| Post‑Exertional Malaise (PEM) | Obligatorisch und charakteristisch | Nicht typisch und wenn vorhanden eher mild |
| Beginn der Symptome | Oft plötzlich nach Infektion/Trigger | Häufig schleichend über Wochen bis Monate |
| Reaktion auf Aktivität | Aktivität verschlechtert langfristig Symptome | Aktivität kann Stimmung verbessern |
| Hauptsymptomatik | Körperliche, kognitive, autonome und immunologische Dysfunktionen | Stimmung, Appetit, Schlaf, Selbstwert |
| Neurologische Symptome | Häufig „Brain Fog“, orthostatische Beschwerden | Eher sekundäre Konzentrationsstörungen |
| Schlaf | Nicht erholsam trotz Schlafdauer | Einschlaf‑ oder Durchschlafprobleme, aber nicht charakteristisch für PEM |
| Begleitgefühle | Wunsch nach Aktivität, aber körperlich verhindert | Gefühle der Hoffnungslosigkeit, Schuld, Wertlosigkeit |
| Ansprechen auf Antidepressiva | Häufig keine Verbesserung der körperlichen Symptome | Häufig Verbesserung bei klinischer Depression |
