Die Diagnose von ME/CFS beruht nicht auf einem einzelnen Labortest oder bildgebenden Verfahren, sondern auf einer systematischen klinischen Beurteilung, die mehrere Schritte miteinander kombiniert:

 

  • Erhebung der Krankengeschichte und Symptome

  • Anwendung international etablierter diagnostischer Kriterien

  • Ausschluss anderer Ursachen

  • Erfassung von Dauer, Ausprägung und funktionellen Auswirkungen

Da bis heute kein spezifischer Biomarker oder Goldstandard-Test existiert, stellt die Diagnosestellung eine klinische Herausforderung dar und erfordert Erfahrung mit der Erkrankung.

 

Grundsätzlich kann jeder Arzt die Diagnose anhand nachstehender Kriterien stellen (die besten Chancen hat man jedoch bei Hausärzten und Neurologen):

 

Achtung MECFS
IOM/NAM-Kriterien (2015)

Die National Academy of Medicine (früher IOM) definiert ME/»CFS» anhand von:

  • erhebliche Einschränkung durch Fatigue (mind. 6 Monate)

  • PEM (verpflichtend)

  • nicht-erholsamer Schlaf

  • kognitive Beeinträchtigung oder orthostatische Intoleranz

Quelle: Clayton et al., Beyond Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome, IOM Report, 2015

Diese Kriterien gelten international als praktikabler Standard in Klinik und Forschung.

Die NICE-Leitlinie NG206 empfiehlt die Diagnose bei folgenden Symptomen:

  • Erschöpfung mit erheblichem Aktivitätsverlust

  • PEM (zwingend)

  • Nicht-erholsamer Schlaf

  • Kognitive Einschränkungen

Quelle: NICE, ME/CFS: diagnosis and management, 2021

Sie betont auch die Notwendigkeit des Ausschlusses anderer Erklärungen und die Beteiligung eines erfahrenen ärztlichen Teams. Insbesondere der Ausschluss anderer Erkrankungen ist für Schwerstbetroffene jedoch unmöglich, da sie nicht die Kraft haben das Haus für ärztliche Untersuchungen zu verlassen. Dies erschwert oftmals die Diagnosestellung sehr.

Die CCC stellen höhere Anforderungen und enthalten zusätzlich:

  • Neurologische und kognitive Symptome

  • Immunologische, autonome und hormonelle Dysregulation

  • Ausgeprägte Aktivitätsintoleranz

Quelle: Carruthers et al., Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: Clinical Working Case Definition, Journal of Chronic Fatigue Syndrome, 2003

Die ICC führen Post-Exertional Neuroimmune Exhaustion (PENE) als zentrales Symptom ein und betonen:

  • Energieerzeugungsstörung unter Belastung

  • Neuroimmunologische Dysfunktion

  • Multisystembeteiligung (neurologisch, immunologisch, metabolisch)

Quelle: Carruthers et al., Myalgic Encephalomyelitis: International Consensus Criteria, Journal of Internal Medicine, 2011

Die ICC werden besonders in Studien und bei sehr schweren Verläufen herangezogen.

Welche diagnostischen Kriterien für ME/"CFS" angewendet werden „müssen“, ist nicht einheitlich gesetzlich oder behördlich geregelt, aber in der Praxis sehr wohl durch Leitlinien, medizinische Standards und sozialrechtliche Kontexte vorgeprägt.

Schweizer Bundestag MECFS

🇨🇭 Schweiz

Kein offizieller Diagnosestandard durch das BAG

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat bisher keine eigene nationale Leitlinie für ME/»CFS» veröffentlicht.

  • In der Praxis orientieren sich viele Ärztinnen und Ärzte an den IOM/NAM-Kriterien, teilweise auch an CCC.

  • Die FMH (Foederatio Medicorum Helveticorum) erkennt ME/»CFS» als ernsthafte Erkrankung an, gibt aber keine festen Diagnosevorgaben vor.

Für IV, Gutachten und Versicherung:

  • Die Diagnose sollte sich auf international akzeptierte Kriterien stützen.

  • In medizinisch-beruflichen Abklärungen oder für IV-Leistungen wird eine strukturierte, transparente Diagnose nach anerkanntem Schema erwartet (z. B. IOM, NICE oder CCC)

🇩🇪 Deutschland

Keine gesetzlich vorgeschriebene Falldefinition, aber:

In Deutschland gibt es keine gesetzlich verbindliche Vorgabe, welche Kriterien zur Diagnose von ME/»CFS» verwendet werden müssen.
ABER:

  • Die Deutsche Gesellschaft für ME/»CFS», die AWMF-Leitlinie „Müdigkeit“ (S3, 2023) und die ärztliche Praxis orientieren sich stark an den IOM/NAM-Kriterien (2015) und/oder der NICE-Leitlinie (NG206, 2021).

  • Für medizinische Gutachten, Reha, Rente oder GdB wird häufig verlangt, dass sich die Diagnose an diesen international anerkannten Kriterien orientiert.

Aktuelle Realität:

  • In vielen Kliniken wird der IOM/NAM-Standard verwendet, da er klar strukturiert ist und nur vier Symptome voraussetzt (inkl. PEM).

  • In spezialisierten Zentren oder bei schweren Verläufen können auch die Kanadischen Kriterien (CCC) oder die ICC ergänzend verwendet werden.

Empfehlung für Deutschland:

Für Praxis, Gutachten und medizinische Anerkennung ist die Verwendung der IOM/NAM-Kriterien oder der NICE-Leitlinie am sichersten und am weitesten akzeptiert.

Deutscher Bundestag MECFS
österreichisches Parlament MECFS

🇦🇹 Österreich

Auch in Österreich gibt es keine nationale Leitlinie nur für ME/»CFS».

Allerdings hat das Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz 2022 im Rahmen von Long COVID eine Orientierungshilfe veröffentlicht, die ME/»CFS» ausdrücklich erwähnt.

  • Dort wird PEM als zentrales Kriterium betont.

  • Auch hier wird häufig auf die IOM/NAM-Kriterien verwiesen.

  • Zudem sind CCC und ICC in ärztlichen Fachkreisen (z. B. ME/»CFS»-Ambulanzen, Reha) ebenfalls anerkannt.

Für Gutachten und Sozialversicherungen:

  • Auch hier gilt: Die Diagnose muss nachvollziehbar und leitlinienbasiert erfolgen, auch wenn es keine formelle Vorgabe gibt.

Long Covid ist nicht gleichzusetzen mit ME/"CFS". ME kann jedoch als Folgeerkrankung von Long Covid entstehen (das Vorliegen von PEM ist zwingend für eine ME Diagnose)

Ausschluss anderer Erkrankungen

Vor der endgültigen Diagnose müssen Erkrankungen ausgeschlossen werden, die ähnliche Beschwerden verursachen können:

  • Schilddrüsenfunktionsstörungen

  • Anämie, chronische Infektionen

  • Rheumatologische und autoimmune Erkrankungen

  • Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen

  • Schwere Depression oder andere psychiatrische Grunderkrankung

Quelle: AWMF S3-Leitlinie „Müdigkeit“, 2023

Dies erfolgt durch:

  • gezielte Anamnese

  • körperliche Untersuchung

  • Labor (inkl. Blutbild, CRP, Schilddrüse, Leber, Niere, Elektrolyte)

  • ggf. Bildgebung (z. B. Herz, Lunge)

  • psychische Abklärung bei Bedarf

Achtung: Die Abgrenzung zur Depression erfolgt u. a. über das Vorliegen von PEM, das bei Depression nicht auftritt.

Quelle: Nacul et al.,  European Network on Myalgic Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome (EUROMENE): Expert Consensus on the Diagnosis, Service Provision, and Care of People with ME/CFS in Europe

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