Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS)
ME/»CFS» ist eine schwere, multisystemische Erkrankung mit dem Leitsymptom der Post Exertional Malaise. Häufig bestehen jedoch zusätzlich orthostatische Intoleranz, autonome Dysfunktion, Schmerzen, Schlafstörungen, kognitive Einschränkungen sowie eine ausgeprägte sensorische und medikamentöse Überempfindlichkeit.
In den letzten Jahren wird in der wissenschaftlichen Literatur zunehmend eine klinisch relevante Mastzellaktivierung als Komorbidität bei einer Untergruppe von ME/»CFS»-Patientinnen und Patienten beschrieben. Dabei ist zwischen dem unspezifischen Phänomen einer Mastzellaktivierung und dem Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) als klar definierte Diagnose nach internationalen Konsensuskriterien zu unterscheiden.
Diese Unterscheidung ist entscheidend, da Mastzellmediatoren Symptome hervorrufen können, die sich mit typischen ME/»CFS»-Beschwerden überschneiden, ohne dass automatisch ein MCAS vorliegt. Gleichzeitig kann eine korrekt diagnostizierte Mastzellaktivierung die Symptomlast relevant erhöhen und bei gezielter Behandlung die Lebensqualität verbessern.
Begriffe und Klassifikation
Der Begriff Mastzellaktivierungssyndrom bezeichnet eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen es zu einer inadäquaten oder überschiessenden Freisetzung von Mastzellmediatoren kommt. International werden drei Hauptformen unterschieden:
Primäre (klonale) Mastzellaktivierung, meist im Rahmen einer systemischen Mastozytose oder verwandter klonaler Mastzellerkrankungen
Sekundäre Mastzellaktivierung, zum Beispiel im Kontext von IgE-vermittelten Allergien, chronischen Entzündungen oder Infektionen
Idiopathisches Mastzellaktivierungssyndrom, bei dem keine klare primäre oder sekundäre Ursache identifiziert wird
ME/»CFS»-Patientinnen und Patienten mit Mastzellaktivierung fallen in der Regel nicht in die primär klonale Kategorie, diese muss jedoch diagnostisch sicher ausgeschlossen werden.
Pathophysiologische Plausibilität bei ME/"CFS"
Mastzellen als neuroimmunovaskuläre Schlüsselfaktoren
Mastzellen sind gewebsständige Immunzellen, die an Grenzflächen wie Haut, Schleimhäuten, Gefässen und im Nervensystem lokalisiert sind. Sie setzen eine Vielzahl biologisch aktiver Mediatoren frei, darunter Histamin, Tryptase, Prostaglandine, Leukotriene, Zytokine und Chemokine.
Diese Mediatoren beeinflussen:
den Gefässtonus und die Gefässpermeabilität
die gastrointestinale Motilität
nozizeptive und autonome Nerven
Immunzellrekrutierung und Entzündungsreaktionen
Mehrere Reviews beschreiben Mastzellen als funktionelle Schnittstelle zwischen Immun-, Nerven- und Gefässsystem. Diese Rolle macht sie pathophysiologisch relevant für Erkrankungen mit neuroimmuner Dysregulation wie ME/»CFS».
Wichtig ist, dass Mastzellaktivierung nicht zwingend mit erhöhtem Histamin oder Tryptase einhergeht. Unterschiedliche Mediatorprofile können dominieren, was die Diagnostik erschwert.
Zusammenhang mit orthostatischer Intoleranz und POTS
Orthostatische Intoleranz und POTS sind bei ME/»CFS» häufig. Studien zeigen, dass bei einer Subgruppe von POTS-Patientinnen und -Patienten Zeichen einer Mastzellaktivierung vorliegen.
Mastzellmediatoren können:
vasodilatatorisch wirken
die Gefässpermeabilität erhöhen
Tachykardien und Blutdruckinstabilität begünstigen
Bei ME/»CFS» kann diese Kombination zu ausgeprägteren orthostatischen Symptomen führen.
Hereditäre Alpha-Tryptasämie
Eine erhöhte basale Serumtryptase kann genetisch bedingt sein (hereditäre Alpha-Tryptasämie). Diese ist mit multisystemischen Beschwerden, erhöhter Mastzellreaktivität und einem gesteigerten Risiko schwerer anaphylaktischer Reaktionen assoziiert, stellt jedoch keine Mastzellerkrankung im engeren Sinne dar.
Bei ME/»CFS» ist dies diagnostisch relevant, da eine erhöhte Basistryptase nicht automatisch MCAS oder systemische Mastozytose bedeutet, aber die Interpretation von Laborwerten und das Risikoprofil beeinflusst.
Klinische Hinweise auf MCAS bei ME/»CFS»
Ein Verdacht sollte insbesondere dann bestehen, wenn episodische, triggerabhängige Symptome mit Beteiligung mehrerer Organsysteme auftreten:
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Haut: Flush, Urtikaria, Pruritus, Angioödeme
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Gastrointestinal: Diarrhoe, krampfartige Schmerzen, Übelkeit, Reflux
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Respiratorisch: Bronchospasmus, Kehlkopfbeschwerden
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Kardiovaskulär: Tachykardie, Blutdruckabfälle, Synkopen
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Systemisch: anaphylaktische oder anaphylaxieähnliche Episoden
Charakteristisch ist der akute Beginn mit deutlicher Dynamik und zumindest teilweiser Rückbildung.
Diagnostik
Differenzialdiagnosen
Dysautonomie ohne Mastzellbeteiligung
Reizdarmsyndrom
IgE-vermittelte Allergien
Chronische Urtikaria
Endokrinologische Störungen
Autoimmunerkrankungen
Systemische Mastozytose oder andere klonale Mastzellerkrankungen
Konsensuskriterien für MCAS
International akzeptierte Kriterien basieren auf drei Säulen:
Typische klinische Episoden mit multisystemischer Beteiligung
Objektivierbarer Anstieg eines Mastzellmediators während einer Episode
Ansprechen auf mastzellgerichtete Therapie als unterstützendes Kriterium
Serumtryptase und Präanalytik
Ein signifikanter Mastzellaktivierungsnachweis liegt vor, wenn der Tryptasewert während oder kurz nach einer systemischen Reaktion den individuellen Baseline-Wert um mindestens 20 Prozent plus 2 ng/mL übersteigt.
Blutentnahme idealerweise 1 bis 4 Stunden nach Symptombeginn
Zusätzlich Baseline-Wert in stabiler Phase erforderlich
Eine normale Basistryptase schliesst MCAS oder sogar systemische Mastozytose nicht sicher aus.
Urinbasierte Mediatoren
Wenn Tryptase unauffällig bleibt oder das Zeitfenster verpasst wird, sind urinbasierte Marker hilfreich:
N-Methylhistamin
Leukotrien E4
Prostaglandin-D2-Metabolite
Wissenschaftlich wird betont, dass nicht nur absolute Werte, sondern das Verhältnis von Akut- zu Baseline-Probe relevant ist. Eine Kreatininbezogene Auswertung ist erforderlich.
Abklärung klonaler Mastzellerkrankungen
Bei klinischem Verdacht oder erhöhter Basistryptase:
Prüfung auf hereditäre Alpha-Tryptasämie
KIT-D816V-Mutationsanalyse (peripheres Blut möglich, je nach Sensitivität)
Bei starker Verdachtslage Knochenmarkdiagnostik nach WHO-Kriterien
Therapie
Die Evidenzlage basiert überwiegend auf Konsensus und klinischer Erfahrung spezialisierter Zentren.
Basistherapie
H1-Antihistaminika
H2-Blocker
Leukotrienrezeptorantagonisten
Cromoglicinsäure
Bei ME/»CFS»: niedrige Startdosen, langsame Titration, einzelne Substanzen nacheinander.
Eskalation
Omalizumab bei schweren, therapieresistenten Verläufen
Spezifische Therapie bei klonalen Mastzellerkrankungen nach Fachstandards
Akutmanagement
Anaphylaxie ist eine klinische Diagnose. Adrenalin intramuskulär ist die First-Line-Therapie. Laboruntersuchungen dürfen die Akutbehandlung nicht verzögern, sollten aber wenn möglich ergänzt werden.
Verlauf und Monitoring
Ziel der Therapie ist die Symptomkontrolle, nicht die «Heilung» von ME/»CFS».
Sinnvoll sind:
Symptom- und Triggerprotokolle
Wiederholte Biomarkerbestimmung bei klaren Episoden
Parallelabklärung von Dysautonomie
Die Prävalenz von MCAS bei ME/CFS ist nicht abschliessend geklärt. Die aktuelle Datenlage spricht für eine relevante Subgruppe mit Mastzellaktivierung, wobei diese eher als Modifikator einer komplexen neuroimmunen Dysregulation verstanden wird.
Quellenverzeichnis
Valent P et al. Mast cell activation syndrome: Consensus and research directions.
Gülen T. Using the right criteria for mast cell activation syndrome.
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