Blutuntersuchungen bei ME/"CFS"

Menschen mit ME/»CFS» sind oft schwer krank, aber im Blut ist „nichts zu finden“. Viele hören:
„Ihre Werte sind alle in Ordnung. Sie sind gesund!“
Das führt oft zu Frustration, Zweifel oder dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Doch: Auch wenn Blutwerte ME/»CFS» nicht direkt beweisen können, sind sie dennoch aus drei Gründen sehr wichtig:

Andere Krankheiten ausschliessen

ME/»CFS» ist eine Ausschlussdiagnose. Das heisst:
Bevor man sagen kann, „es ist ME/»CFS“, muss man andere Erkrankungen ausgeschlossen haben, etwa:

  • Blutarmut (Anämie)

  • Schilddrüsenprobleme

  • Diabetes

  • chronische Infektionen

  • Autoimmunerkrankungen

  • Vitamin- oder Nährstoffmängel

  • Zöliakie oder andere Darmprobleme

Diese können ähnliche Symptome machen oder ME/»CFS» zusätzlich verstärken.

Viele Menschen mit ME/»CFS» haben zusätzlich:

  • häufige Infekte

  • Histaminprobleme oder Unverträglichkeiten

  • Kreislaufprobleme (wie POTS)

  • Mangelerscheinungen

  • Autoimmunerkrankungen

  • Medikamentennebenwirkungen

Auch wenn ME/»CFS» selbst (noch) nicht heilbar ist diese Begleiterkrankungen können erkannt und behandelt werden.

Viele Betroffene nehmen Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen (z. B. Kortison, Biologika, JAK-Hemmer oder Rheumamedikamente).
In solchen Fällen müssen regelmässig bestimmte Blutwerte kontrolliert werden, um Nebenwirkungen rechtzeitig zu erkennen, auch wenn diese nicht direkt mit ME/»CFS» zu tun haben.

Blutuntersuchungen MECFS

Warum 

zeigen viele Blutwerte bei ME/»CFS» trotzdem „nichts Auffälliges“?

Das liegt an der Art der Erkrankung.

ME/»CFS» ist:

  • keine klassische Entzündung, wie etwa Rheuma oder eine Lungenentzündung

  • keine Krankheit mit Zellzerstörungen, wie z. B. Krebs oder Leberversagen

  • keine Blutvergiftung oder „sichtbare Infektion“

Sondern:

ME/»CFS» ist eine Störung der Regulation, vor allem des Nervensystems, des Immunsystems und der Energiegewinnung in den Zellen.

Viele dieser Störungen sieht man im normalen Blutbild nicht oder nur sehr indirekt.

Blutuntersuchungen helfen also nicht, die Krankheit „zu beweisen“. Aber sie helfen, das Bild zu vervollständigen.

Basis-Untersuchungen

Diese Tests sollten bei jeder Person mit ME/»CFS» einmal gemacht werden, besonders zu Beginn:

UntersuchungWarum das wichtig ist
Blutbild (rote & weisse Blutkörperchen)Erkennt Blutarmut, Infekte oder andere Störungen des Blutsystems
Entzündungswerte (CRP & BSR)Zeigt, ob eine „klassische“ Entzündung im Körper ist – obwohl diese bei ME/»CFS» oft unauffällig sind
Schilddrüsenwerte (TSH, ev. fT3 & fT4)Schilddrüsenunterfunktion kann ähnlich aussehen wie ME/»CFS»
Eisenstatus (Ferritin & Transferrinsättigung)Ein Mangel verschlimmert Erschöpfung, Kältegefühl, Atemnot
Leberwerte (GOT, GPT, GGT, Bilirubin)Wichtig bei Medikamenten, z. B. Kortison oder Rheumatherapien
Nierenwerte (Kreatinin, eGFR)Für die allgemeine Stoffwechselfunktion & Medikamentensicherheit
Langzeitblutzucker (HbA1c)Ausschluss von Diabetes oder Unterzucker als Ursache der Beschwerden
CK (Kreatinkinase)Zeigt, ob es Anzeichen für Muskelschäden oder Entzündungen gibt
Zöliakie-Test (tTG IgA & Gesamt-IgA)Weizenunverträglichkeit kann Mangelzustände & Fatigue auslösen
Ärztin MECFS Literatur

Erweiterte Untersuchungen

Diese Bluttests werden nicht bei allen Menschen mit ME/*CFS* gemacht, sondern nur, wenn es bestimmte Hinweise gibt:

Wenn du oft Infekte hast oder schlecht gesund wirst:

| Immunglobuline (IgG, IgA, IgM) zeigen, ob dein Immunsystem genügend Abwehrstoffe bildet |

  • Vitamin B12 (inkl. aktives Holo-Transcobalamin)

  • Folsäure

  • Vitamin B1 & B6

  • Homocystein (ein Wert, der Vitamin-B-Stoffwechselstörungen anzeigen kann)

Ein Mangel kann Konzentration, Nervenreizungen, Schwäche oder Müdigkeit verschlimmern.

  • ANA (antinukleäre Antikörper)

  • ENA-Profil (bei auffälligem ANA)

Nur sinnvoll bei zusätzlichen Beschwerden wie Gelenkschmerzen, Ausschlag oder Fieber.

  • Tryptase (Hinweis auf Mastzellaktivierung)

  • DAO (Histaminabbau-Enzym)

Diese Werte helfen beim Verdacht auf Histaminintoleranz oder Mastzellaktivierungssyndrom.

Schilddrüse (inkl. fT3, fT4)
Auch wenn der TSH-Wert „noch normal“ ist – viele Betroffene fühlen sich besser, wenn die freien Werte im oberen Normbereich liegen.

Was ist mit Viren?

Viele Menschen mit ME/CFS berichten, dass ihre Krankheit nach einem Infekt begann – etwa nach Pfeifferschem Drüsenfieber (EBV), Covid-19 oder einer anderen Virusinfektion.

Manche Bluttests zeigen:

  • ob man in der Vergangenheit Kontakt zu einem Virus hatte (z. B. EBV IgG positiv)

  • ob das Immunsystem „noch aktiv“ auf das Virus reagiert

Aber:

Diese Tests sagen nichts darüber, ob das Virus „noch da ist“ oder ME/CFS verursacht.

Trotzdem kann es sinnvoll sein, bei starkem Immunschwächegefühl z. B. EBV oder HHV-6 testen zu lassen, aber nur, wenn man danach auch eine Konsequenz daraus ziehen würde.

LaborwertLabornorm (Schweiz)Funktionell zu niedrig ab…Warum das relevant ist bei ME/CFS
Ferritin (Speichereisen)ca. 15–150 µg/l (Frauen)< 50–70 µg/lEisen wird für Sauerstofftransport und Zellenergie gebraucht – zu wenig Ferritin kann Fatigue, Brain Fog und Luftnot verschlimmern
Vitamin B12ca. 200–950 pmol/l< 400–500 pmol/lWerte unter 400 können bereits neurologische Symptome verursachen, v. a. bei gestörter Aufnahme oder chronischer Entzündung
Holo-TC (aktives B12)> 35 pmol/l< 60–80 pmol/lDer aktive Anteil ist relevanter als Gesamt-B12 , selbst bei gutem B12 kann Holo-TC zu niedrig sein
Vitamin D (25-OH-D3)> 50 nmol/l (Minimum)< 75–100 nmol/lFür Immunfunktion, Knochenstoffwechsel, Stimmung und Energie essenziell , niedrige Werte verstärken Fatigue und Infektanfälligkeit
TSH (Schilddrüsensteuerhormon)0.3–4.5 mU/l> 2.0 mU/l (grenzwertig)Ein TSH über 2.0 kann bei ME/CFS bereits mit Symptomen einer Unterfunktion einhergehen, auch wenn fT3/fT4 noch normal sind
fT3 (freies Trijodthyronin)3.1–6.8 pmol/l< 4.0–4.5 pmol/lZu tiefe Werte können den Zellstoffwechsel verlangsamen – viele Betroffene haben „Low-T3-Syndrom“ trotz normalem TSH
Zink10–18 µmol/l< 12–13 µmol/lZink ist wichtig für Immunfunktion, Mastzellen, Wundheilung und Energie – leichte Mängel bleiben oft übersehen
Magnesium0.7–1.1 mmol/l< 0.85 mmol/lMuskelprobleme, Kreislaufstörungen und Energieprobleme können durch funktionellen Magnesiummangel verstärkt werden
Natrium (bei POTS relevant)135–145 mmol/l< 137–138 mmol/lLeicht erniedrigtes Natrium kann die Symptome von POTS verschärfen (Kreislaufschwäche, Schwindel)

 

Was ist, wenn ich Medikamente nehme, die das Immunsystem unterdrücken?

Dann sind andere Blutwerte besonders wichtig, zum Beispiel:

  • Blutbild (Leukozyten, Neutrophile)

  • Leberwerte

  • Nierenfunktion

  • Lipidwerte (Cholesterin, Triglyzeride)

  • ggf. Virus-Tests (z. B. Hepatitis oder Tuberkulose-Voruntersuchung bei Biologika)

Denn bei solchen Medikamenten ist es entscheidend, dass man rechtzeitig erkennt, ob das Immunsystem geschwächt oder Organe belastet werden.

Immunsuppressiva

Was ist bei mir besonders zu beachten, wenn ich sehr schwer betroffen bin?

  • Viele Blutwerte verändern sich je nach Tageszeit, Körperhaltung, Stresslevel oder vorheriger Aktivität

  • Manche Werte sind nur bei starker Belastung auffällig

  • Wenn du in einer PEM-Phase (Crash) bist, sind manche Werte automatisch verändert, ohne krankhaft zu sein:

LaborwertWas passiert im Crash?Warum?
Laktaterhöht (~45 % der ME/CFS‑Patient*innen haben bereits im Ruhezustand Laktatwerte ≥ 2 mmol/L) Während oder nach Belastung steigt der Laktatwert bei ME/»CFS» abnorm.Zellatmung gestört, Energie wird ineffizient ohne Sauerstoff erzeugt (anaerob), v. a. bei leichter Bewegung
CK (Kreatinkinase)leicht erhöhtHinweis auf muskuläre Stressreaktion oder Überforderung , v. a. nach kleinster Belastung
CRP/BSRselten leicht erhöhtUnspezifische Entzündungsreaktion bei systemischer Belastung
Leukozytenkönnen leicht steigen oder fallenStressreaktion oder kurzfristige Umverteilung weisser Blutkörperchen
Kortisolkann erhöht oder paradox erniedrigt seinNebennierenregulation gestört , abhängig von Zeitpunkt & Vorerkrankung
Zucker (Glukose)kurzfristig erhöhtStresshormonreaktion über Adrenalin/Kortisol , auch ohne Nahrungsaufnahme
Natriumleicht erniedrigtVerdünnungseffekt durch Stress, Trinkverhalten, Salzverlust bei POTS
TSHkann ansteigenBei körperlichem Stress: kurzfristige Veränderung der Schilddrüsenachse
Kalium/Magnesiummanchmal erniedrigtVerlust durch Schwitzen, Stress, hormonelle Gegenregulation

Deshalb:

Es ist sinnvoll, Blutabnahmen möglichst im stabilen Zustand zu planen, oder zumindest zu notieren, in welchem Zustand sie gemacht wurden.

Wenn du z. B. nüchtern bist, gerade gestresst warst oder eine besonders schlechte Nacht hattest, teile das dem Arzt oder Labor mit. Das hilft, die Werte besser zu verstehen.

Warum können Werte „normal“ sein und trotzdem etwas fehlen?

Die sogenannten „Normwerte“ gelten für gesunde Menschen und sagen nur aus, was statistisch durchschnittlich ist.


Das heisst:

  • Ein Ferritinwert von 20 µg/l gilt offiziell als „normal“

  • Aber bei ME/»CFS» kann das zu wenig sein , z. B. für einen ausreichenden Sauerstofftransport

Selbiges gilt für:

  • Vitamin B12

  • Schilddrüsenwerte

  • Vitamin D

  • Zink

Hier ist es sinnvoll, nicht nur den Laborwert, sondern die Symptome zu berücksichtigen.

Was zeigen Blutwerte nicht?

Es gibt vieles, was Blutwerte (noch) nicht anzeigen können, auch wenn es bei ME/»CFS» eine Rolle spielt.

Nicht sichtbar im Routineblutbild sind:

  • Entzündung im Gehirn (Neuroinflammation)
  • Fehlregulation des Nervensystems
  • Mitochondrienstörungen (Energieproduktion)
  • Störungen der Mikrozirkulation
  • Autoantikörper gegen bestimmte Rezeptoren
  • gestörter Zellstoffwechsel

Diese Veränderungen zeigen sich nur in Studien oder lassen sich indirekt durch Symptome vermuten.

MECFS Spezialkliniken

Wie oft sollte ich meine Blutwerte kontrollieren lassen?

Das hängt davon ab, wie es dir geht und welche Medikamente du nimmst.

Faustregel:

  • Basiswerte: alle 6–12 Monate, wenn stabil

  • Sicherheitswerte (z. B. unter Immunsuppression): je nach Medikament alle 1–3 Monate

  • Eisen, Schilddrüse, Vitamine: nur bei Bedarf oder Symptomen

Zu häufige Blutentnahmen belasten – und können sogar selbst einen Crash (PEM) auslösen.

Wirklich sinnvoll zu testen ist nur das, was anschliessend auch eine klare klinische Relevanz und Konsequenz hat!

Quellenverzeichnis

  • NICE Guideline NG206: Myalgic Encephalomyelitis (or Encephalopathy)/Chronic Fatigue Syndrome: Diagnosis and Management, 2021
  • Institute of Medicine. Beyond Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: Redefining an Illness. National Academies Press, 2015
  • Komaroff AL. Advances in Understanding the Pathophysiology of Chronic Fatigue Syndrome. JAMA. 2019;322(6):499-500
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  • Scheibenbogen C et al. Autoimmunity as a possible pathomechanism of ME/CFS. Front Immunol. 2021
  • Theoharides TC et al. Mast cells and inflammation in chronic fatigue syndrome. J Neuroinflammation. 2019
  • Raj SR et al. Diagnosis and management of POTS. CMAJ. 2022
  • Naviaux RK et al. Metabolic features of chronic fatigue syndrome. PNAS. 2016
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