Subtypen

Was sie sind und was ausdrücklich nicht!

ME/»CFS» ist eine schwere, multisystemische Erkrankung mit ausserordentlicher klinischer und biologischer Heterogenität. Trotz jahrzehntelanger Forschung existiert keine offiziell anerkannte Subtypen Klassifikation! Es gibt weder eine verbindliche Liste noch eine festgelegte Anzahl von Subtypen, die von einer Fachgesellschaft normativ definiert worden wären.

Gleichzeitig ist seit Jahrzehnten gut belegt, dass ME/»CFS» keine homogene Erkrankung ist. In der Literatur werden wiederholt Subgruppen, Phänotypen, Profile, Mechanismen und Symptomcluster beschrieben. Diese Begriffe werden je nach Disziplin unterschiedlich verwendet, beschreiben aber ein gemeinsames Kernproblem: biologisch unterschiedliche Patientengruppen werden häufig gemeinsam untersucht.

Die hier dargestellten Subtypen sind daher keine Erfindung und keine neue Klassifikation, sondern eine strukturierte Synthese wiederkehrender klinischer und pathophysiologischer Muster, wie sie in der Forschung und in spezialisierten Versorgungsstrukturen beschrieben werden.

MECFS Betroffene

Historische Entwicklung des Subtyp Denkens

PEM ist nicht vergleichbar mit gewöhnlicher Müdigkeit oder Erschöpfung, wie sie z. B. nach Sport oder anstrengender Arbeit bei gesunden Personen auftreten. Es handelt sich vielmehr um eine pathologische Belastungsintoleranz, die ihren Ausdruck in einer systemischen Verschlechterung aller Symptome findet.

Frühe klinische Beobachtungen

Bereits bei den ersten Beschreibungen myalgischer Enzephalomyelitis in der Mitte des 20. Jahrhunderts fiel auf, dass:

  • einige Erkrankungen abrupt nach Infekten begannen

  • andere schleichend verliefen

  • der Schweregrad extrem variierte

Diese Unterschiede wurden dokumentiert, jedoch nicht systematisch kategorisiert.

Forschung und widersprüchliche Resultate

Ab den 1990er Jahren nahm die biomedizinische Forschung stark zu. Parallel dazu zeigte sich:

  • geringe Reproduzierbarkeit von Biomarkern

  • widersprüchliche Ergebnisse zu Immunparametern

  • unterschiedliche Belastungsantworten

Heute gilt als wahrscheinlich, dass diese Inkonsistenzen wesentlich dadurch entstehen, dass unterschiedliche Subtypen in wechselnden Anteilen untersucht wurden, ohne dies zu erfassen oder zu berichten.

Moderne Phänotypisierung

Spätestens seit dem Bericht der National Academies von 2015 wird ME CFS explizit als heterogene multisystemische Erkrankung beschrieben. Seither fordern zahlreiche Arbeiten:

  • Subgruppen Analysen

  • mechanistische Stratifizierung

  • transparente Beschreibung der Kohorten

Mit Long Covid wurde diese Problematik nochmals deutlich sichtbarer.

Widersprüchliche Studienergebnisse bei ME CFS sind somit häufig kein Ausdruck fehlerhafter Forschung, sondern das Resultat fehlender Subtyp Stratifizierung.

Wenn biologisch unterschiedliche Subtypen gemeinsam untersucht werden können subtypspezifische Effekte statistisch verschwinden, erscheinen Biomarker inkonsistent und Interventionen werden fälschlich als unwirksam bewertet. Das Problem liegt nicht in der Existenz von Subtypen, sondern darin, dass sie zu selten systematisch berücksichtigt werden.

Methodischer Rahmen der Subtypen

Die hier beschriebenen Subtypen sind:

  • überlappend, nicht exklusiv

  • dynamisch, nicht statisch

  • mehrdimensional, nicht eindimensional

Ein:e Patient:in kann mehrere Subtypen gleichzeitig aufweisen. Subtypen beschreiben Schwerpunkte, keine vollständige Krankheitsidentität.

 

Achtung MECFS

Detaillierte Subtyp Profile

Alle Subtypen auf einem Blick:

Post infektiös dominanter Subtyp

Ursprung: historisch ältester Subtyp, seit den frühen Beschreibungen dokumentiert.

Klinik:

  • abrupter Krankheitsbeginn nach Infekt

  • frühe und ausgeprägte post exertional malaise

  • anhaltende infektähnliche Symptome

Pathophysiologie:

  • persistierende Immunfehlsteuerung

  • neuroimmunologische Aktivierung

  • mögliche Antigen Persistenz

Ursprung: seit den 1990er Jahren beschrieben, ab 2000 systematisch untersucht.

Klinik:

  • Verschlechterung im Stehen oder Sitzen

  • Tachykardie, Benommenheit, Präsynkopen

  • kognitive Einbrüche aufrecht

Pathophysiologie:

  • autonome Dysregulation

  • reduziertes Schlagvolumen

  • zerebrale Hypoperfusion

Ursprung: ab ca. 2015 verstärkt diskutiert.

Klinik:

  • Kälteintoleranz

  • Migräne ähnliche Beschwerden

  • Belastungsintoleranz

Pathophysiologie:

  • Endotheliale Dysfunktion

  • gestörte Mikrozirkulation

  • verminderte Sauerstoffbereitstellung

Ursprung: Belastungsphysiologie und Zwei Tage Belastungstests ab ca. 2007 (Belastungstest birgt hohes PEM/Crash Risiko. Nich mit niedrigem Bell-Score durchführen!)).

Klinik:

  • extrem geringe Belastungstoleranz

  • verzögertes PEM

  • Muskelschmerzen ohne Entzündung

Pathophysiologie:

  • gestörter Energiestoffwechsel

  • mitochondriale Dysfunktion

  • abnorme Belastungsantwort

Ursprung: seit den 1990er Jahren beschrieben.

Klinik:

  • fluktuierender Verlauf

  • infektähnliche Episoden

  • Schmerz und Reizüberempfindlichkeit

Pathophysiologie:

  • Zytokin Dysregulation

  • NK Zell Funktionsstörung

  • mögliche Autoantikörper

Ursprung: systematisch untersucht seit moderner Neurodiagnostik.

Klinik:

  • Brain fog

  • Denkverlangsamung

  • sensorische Überlastbarkeit

Pathophysiologie:

  • Neuroinflammation

  • zerebrale Perfusionsstörung

  • Netzwerkdysfunktion

Ursprung: zunehmend beschrieben seit ca. 2018.

Klinik:

  • Flush, Juckreiz

  • gastrointestinale Beschwerden

  • episodische Verschlechterungen

Pathophysiologie:

  • Mastzell Aktivierung

  • Mediatorfreisetzung

Ursprung: ab 2015 systematisch untersucht.

Klinik:

  • brennende Schmerzen

  • autonome Dysfunktionen

Pathophysiologie:

  • periphere Nervenbeteiligung

Ursprung: beschrieben seit ca. 2010.

Klinik:

  • Gelenkhypermobilität

  • chronische Schmerzen

  • orthostatische Symptome

Pathophysiologie:

  • Bindegewebsbesonderheiten

  • mechanische Instabilität

Hinweis: kein eigener Mechanismus, sondern Ausdruck kumulativer Dysregulation.

Klinik:

  • Bettlägerigkeit

  • extreme Reizintoleranz

  • hoher Pflegebedarf

Die dargestellten Subtypen sind somit kein abschliessendes System, sondern ein notwendiges Werkzeug, um: Forschungsergebnisse korrekt einzuordnen, Patientensicherheit zu gewährleisten und Fehlinterpretationen zu vermeiden.

Nicht die Vielfalt der Subtypen ist das Problem, sondern ihre mangelnde systematische Berücksichtigung.

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